Evangelistisch

Die aufgeräumte Stube

Ist es nicht schön, eine aufgeräumte Stube zu haben? Alles ist an seinem Platz. Du hast dich gemütlich eingerichtet. Du denkst, dass es sich so gut leben lässt. Während du so denkst, öffnet sich langsam die Tür, und Selbstzufriedenheit kommt leise in den Raum. Sich macht sich so breit, als wolle sie deine ganze Stube für sich allein beanspruchen. Ein bisschen empört betrachtest du das Geschehen, bemerkst aber nebenbei, dass die Türe noch offen ist. Doch bevor du die Türe schliessen kannst, steht schon der zweite ungebetene Gast in deiner Stube. Leicht lässt sich sein Name an seinem Blick erkennen. Das muss der Neid sein. Er gibt sich natürlich nicht mit dem noch freien Platz zufrieden. Nein: er möchte genau dort sitzen, wo sich bereits der erste Gast niedergelassen hat. Die zwei beginnen mit einem Wortgezänk. Betroffen berachtest du die Szene und verstehst nicht, wie das ausgerechnet in deiner Stube passieren kann. Hast du dir nicht Ruhe gewünscht? Aber die Ruhe wird empfindlich gestört durch diese zwei Streithähne, die sich um den besten Platz streiten. Plötzlich erinnerst du dich an die Türe, die immer noch offen steht. Du eilst zur Türe, um sie zu schliessen, damit nicht noch Schlimmeres in deine vier Wände kommt. Doch kaum hast du die Türe geschlossen, fliegt die Türe schon wieder laut krachend auf. Schnaubend und mit rotem Kopf stampft der Ärger in den Raum. Hast du dir auch schon vorgenommen, dass der nicht mehr in dein Stübchen kommt? Und schon wieder ist er da. Mit seiner Unberechenbarkeit beherrscht er schon bald den ganzen Raum. Mit seiner unglaublichen Kraft, die er manchmal freisetzen kannm schubst er die anderen vom besten Platz und setzt sich selbst darauf. Das lassen sich die anderen natürlich nicht bieten.

Die Selbstzufriedenheit stellt sich demonstrativ beleidigt in eine Ecke und erwähnt ganz nebenbei, was für ein schlechter Gastgeber du bist. Der Neid denkt sich: „Wenn ich schon nicht den besten Platz habe, dann soll es dem anderen auch nicht gefallen“, und wirft eine Vase auf den Boden. Nun ist es endgültig vorbei mit der Ruhe und Ordnung in deiner Stube. Ein Streit beginnt, angezettelt durch die Streitsucht, die durch die noch immer offene Türe eingetreten ist.

Natürlich versuchst du, den Streit zu schlichten. Du erklärst, dass man sich doch friedlich einigen kann. Als Besitzer der Wohnung bist du ja schliesslich ein Befürworter von Sitte und Moral. Weiter erklärst du, dass du in deiner Wohnung auf keinen Fall Streit wünschst. An der Reaktion der ungebetenen Gäste merkst du jedoch, dass sie sehr stark zweifeln, ob du überhaupt der Besitzer der Wohnung bist. Vielleicht bekommst du sogar selbst Zweifel, ob du noch der Herr in deinen eigenen vier Wänden bist. Irgendwie ist dir die Kontrolle aus den Händen geglitten. Inzwischen befinden sich mehr als sieben Subjekte in deiner Stube. Sie alle vertreten eine schlechte Eigenschaft.

Plötzlich erinnerst du dich an die Tür. Steht sie wohl immer noch offen? Voll Furcht richtest du deinen Blick auf die Tür, um zu kontrollieren, ob sie immer noch offen steht. Beruhigt stellst du fest: sie ist geschlossen.

Überraschend klopft jemand von aussen an die Türe. Wer kann das wohl sein? Warum muss ausgerechnet jetzt, wo du eine solche Unordnung hast, jemand zu Besuch kommen? Doch du fragst dich, ob’s schlimmer werden kann, und sagst dir, dass du nichts mehr zu verlieren hast. Langsam gehst du zur Tür. Nach all deinen schlechten Erfahrungen verwundert es dich, dass es jemanden gibt, der an die Türe anklopft. Zögernd öffnest du die Tür.

Ein neuer Gast betritt deine Wohnung. Dieser ist absolut anders. Voll Liebe und Mitleid betrachtet er das Schlachtfeld, zu dem die Wohnung geworden ist. Er kennt deine ungebetenen Gäste genau. Auch er hat seine Erfahrungen mit ihnen gemacht, aber er…

Dein neuer Gast nimmt auf dem Stuhl Platz, um den sich niemand gestritten hat. Es ist der kleine, rote, hölzerne Hocker mit abgebrochener Lehne, den du ja eigentlich entsorgen wolltest. Das ist nun also wirklich der schlechteste Platz in deiner Wohnung. Die Demut deines Gastes beschämt dich. Doch ehe du dich weiter um deinen neuen Gast kümmern kannst, wirst du dadurch abgelenkt, dass die ungebetenen Gäste immer lauter und wilder werden. Auf den ersten Blick scheint es sogar, dass sie in ihrem verheerenden Treiben noch angestachelt wurden durch das Kommen des neuen Gastes. Denn jedesmal, wenn sie auf den neuen sehen, wird ihr Treiben noch hektischer. Es scheint fast, als ob sie wüssten, dass ihre Zeit nur noch kurz bemessen ist.

Plötzlich spürst du einen Stich im Herz. Du erinnerst dich an Worte, die du schon so oft gehört hast. Dein demütiger Gast hat die Worte früher persönlich zu dir gesprochen.

Hat er dich nicht gewarnt? Hat er nicht ganz klar gesagt, dass eine leer stehende, sauber gefegte und schön aufgeräumte Wohnung eine Gefahr in sich birgt? Der vertriebene Geist wird nämlich zurückkommen, und wenn die Wohnung leer steht, wird er gleich seine sieben Kumpels mitbringen, und es wird schlimmer sein als zuvor (Mat. 12, 43-45).

Du erkennst den Ernst dieser Worte. Der Gedanke, dass dieser Fluch auch dich treffen könnte, schreckt dich und treibt dich sofort zur Tat: Schnell rennst du in die Besenkammer und nimmst in beide Hände, was dir zweckmässig scheint, um diese üblen Gesellen aus deiner Wohnung zu jagen. Mit einem Besen in der Rechten, einem Teppichklopfer in der Linken stürmst du zurück, fest gewillt, wieder Ordnung zu schaffen.

Doch während du so schnaubend in das Zimmer stampfst, fällt dein Blick als erstes auf deinen Gast, der noch immer auf dem kleinen, roten, hölzernen Hocker mit abgebrochener Lehne sitzt. Er schaut dich an, schüttelt traurig den Kopf, so als wollte er dir zeigen, dass du auf dem falschen Weg bist. Er fordert dich auf, in den Spiegel zu schauen. Du erkennst im Spiegel, wie dein Gesicht entstellt ist durch die Gesichtszüge deiner Gäste. Ärger, Neid und Streitsucht sind deutlich erkennbar in deinem Gesicht. Du selbst bist erfüllt mit allen diesen Eigenschaften. Entmutigt lässt du deine Arme sinken. Auch der Besen und der Klopfer fallen dir aus den Händen. Verzweiflung macht sich breit in deinem Herzen.

Du richtest den Blick noch einmal auf deinen Gast auf dem Hocker. Jeder andere Platz in deiner Wohnung wäre besser zum Sitzen, aber dein hoher Gast hat in seiner Demut darauf Platz genommen, weil es der Platz ist, der ihm freigelassen wurde. Er ist demütig. Er ist sanftmütig. In ihm ist keine Selbstzufriedenheit, kein Neid, kein Ärger, keine Streitsucht. Plötzlich wird dir klar, dass nur er fähig ist, Ordnung in deiner Stube zu schaffen (Mat 11, 28-30). Du weisst auch plötzlich, was du tun musst. Du musst Jesus Christus, so ist der Name deines Gastes, den ersten und besten Platz in deiner Stube geben. Dann vertreibt ER deine verhassten Eindringlinge, und die ersehnte Ruhe kehrt in deiner Herzenswohnung ein.

Gibst du ihm den unbestrittenen ersten und besten Platz?

MM

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Matthäus 11, 28-30